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12.

November
2010

Große Momente mit Chopin und Brahms

Bewegender Abend mit dem „Deutschen Requiem“ und brillianter Pianistin Ewa Kupiec

Koblenz. Es gibt Momente, da mag man eigentlich nicht rezensieren, sondern bewegt schweigen. Das dritte Anrechtskonzert beim Musik-Institut Koblenz mit Chopins Klavierkonzert Nr. 2 und dem „deutschen Requiem“ von Brahms war ein solcher. Zur Wirkung des Requiems hat der Musikkritiker Eduard Hanslick schon 1875 alles Wichtige geschrieben: „Der Glücklichste, der nie einen Verlust erfahren, wird das ,Deutsche Requiem’ mit jener inneren Seeligkeit genießen, welche nur die Schönheit gewährt. Wer hingegen ein teures Wesen betrauert, der vermesse sich nicht, bei den überwältigend rührenden Klängen trockenen Auges zu bleiben. Aber er wird erfahren, wie verklärend und stärkend der reinste Trost aus dieser Musik fließt.“

Um solche Anmutung zu verhindern, müsste schlecht musiziert werden. Über den Apparat aus Rheinischer Philharmonie, Domkantorei Mainz und Chor des Musik-Instituts sowie Sopranistin Christiane Oelze und dem schönen vollen Bariton von Rudolf Rosen ist das schiere Gegenteil festzuhalten. Große Augenblicke schenkt Oelze, wenn ihr Sopran sich samtig, innig, aber mächtig zum Trostgesang über den Chor erhebt.

Die Anforderungen vor allem des chorischen Ausdrucks zwischen Leid und Seligkeit sind enorm. Dirigent Daniel Raiskin geht volles Risiko, wenn er den gut 120 Sängern Signal gibt, ihr Volumen bis zum Äußersten frei zu entfalten oder aufs Flüstern zu reduzieren. Puristen könnten dann ein paar Übertreibungen oder Blässen bemängeln. Ich mag mit kritischer Erbsenzählerei diesmal nichts zu schaffen haben, denn in toto erzielen Philharmoniker und Sänger jene tief bewegende Wirkung, von der Hanslick sprach.

Dem Requiem voraus geht im 200. Geburtsjahr von Chopin dessen 2. Klavierkonzert. Und so wie hier gespielt, muss Chopin gespielt werden! Der Vortrag ist nicht nur für Koblenzer Verhältnisse eine Sternstunde. Mit Raiskin am Dirigierpult der Rheinischen und Ewa Kupiec am Flügel passiert etwas Außerordentliches: Es wird musikalisch der Auffassung widersprochen, Chopin habe sich allein fürs Klavier interessiert und den Orchesterpart bloß als belanglose Rahmung drumherumdrapiert.

Es gibt Beschreibungen, wie der Komponist selbst als Virtuose spielte: leicht, schwebend, perlend; komplizierteste Gänge zu gefühligen Wellen verwebend. Sein Umgang mit dem sinnlichen tempo rubato (der „geraubten Zeit“, also der kunstvollen Verlängerung oder Verkürzung im Spielen von Tönen) soll so erstaunlich gewesen sein wie seine Pedaltechnik. Dabei sei ihm die Effekthascherei der Tastenartisten seiner Zeit fremd geblieben. Dies alles trifft sehr genau auch das hinreißende Spiel der Ewa Kupiec. Und wenn ein ums andere Mal ihr Klavier aus dem Orchesterklang wie die Woge aus dem Meer auf- oder das Orchester in pianistische Wellen eintaucht, dann spürt man: Dies Kunstwerk ist aus einem Guss. 

Andreas Pecht (Rhein Zeitung)